
Verspätete Zahlungseingänge als Insolvenzrisiko
In diesem Artikel erfahren Sie:
- Was in dieser Situation helfen kann, die Finanzierungslücken zu überbrücken.
- Warum klassische Kredite für KMU an Attraktivität verlieren und welche Finanzierungsalternativen zunehmend gefragt sind.
Die Zahl der Insolvenzen in Deutschland steigt weiterhin an: Laut Statistischem Bundesamt gab es im ersten Halbjahr 2026 rund 12.800 Unternehmensinsolvenzen. Das sind 6,7 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und so viele wie zuletzt im Jahr 2013. Eine Entspannung ist jedoch erstmal nicht zu erwarten. Kreditversicherer wie Allianz Trade und Coface haben ihre Prognosen für Unternehmensinsolvenzen wegen des anhaltenden Nahostkonflikts nach oben korrigiert. Sie rechnen für das gesamte Jahr 2026 mit sechs Prozent mehr Insolvenzen im Vergleich zu 2025.
Die häufigste Ursache für Insolvenzen ist jedoch nicht Missmanagement in den Unternehmen. Es sind vielmehr verspätete Zahlungseingänge, die zur drohenden Zahlungsunfähigkeit führen, wie eine Befragung der Kreditplattform Iwoca unter Finanzierungsexperten zeigt. Eine Situation, die selbst für Lieferanten mit vollen Auftragsbüchern zum Problem werden kann: Während sie darauf warten, dass ihre Kundschaft offene Rechnungen begleichen, müssen sie selbst ihre laufenden Kosten decken und eigene Lieferanten bezahlen. Offene Forderungen können damit auch für gut laufende Unternehmen zum Geschäftsrisiko werden, weil ihnen dadurch Liquidität fehlt.
Zahlungsverzögerungen werden häufiger
Zahlungsverzögerungen kommen immer öfter vor. Bei einer Coface-Umfrage aus dem Jahr 2025 gaben 81 Prozent der befragten Unternehmen an, dass sie mit verspäteten Zahlungseingängen konfrontiert waren. Durchschnittlich gingen Zahlungen 32 Tage später ein als vereinbart. Bei zwölf Prozent der befragten Unternehmen betrafen die Verzögerungen mehr als zwei Prozent ihres Jahresumsatzes. Besonders existenzbedrohend sind dabei Rechnungen, die länger als sechs Monate offenbleiben. Die Erfahrung zeigt: Häufig werden diese nie beglichen. Eine Insolvenz eines Großkunden kann so auch einen Dominoeffekt auslösen und ein eigentlich gut laufendes Unternehmen mitreißen.
Zwar werden die Zahlungsziele laut dem Zahlungsindikator von Creditreform im Durchschnitt immer länger. Wer genauer hinschaut, bemerkt jedoch, dass kleine und mittelständische Unternehmen viel weniger Zeit bekommen, um ihre Rechnungen zu begleichen. Großkonzernen bieten Auftraggeber durchschnittliche Zahlungsziele von mehr als 35 Tagen an. Bei KMU sind es dagegen nur 26 Tage. So geraten KMU auch selbst häufiger in Zahlungsverzug.
KMU kommen schwieriger an Kredite
Um kurzfristige Liquiditätsengpässe durch zu spät eingegangene Zahlungen zu überbrücken, greifen mittelständische Unternehmen gerne auf kurzfristige Kredite mit Umfängen zwischen 25.000 Euro und 50.000 Euro zurück. Doch gerade die lohnen sich für Großbanken kaum, da die Kosten für den Kreditvergabeprozess relativ zur Kreditsumme höher sind als bei größeren Krediten. Deshalb sind laut dem Iwoca KMU-Index Großbanken besonders zurückhaltend bei der Vergabe solcher kleinen Kredite.
Eine Tatsache, die auch KMU immer häufiger spüren: Bei einer Umfrage der KfW in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut Ifo im zweiten Quartal 2026 berichteten 40,5 Prozent der befragten Mittelständler, dass ihre Banken sich bei der Kreditvergabe restriktiv verhalten. Das ist der höchste Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 2017. Jedoch berichten auch 32,9 Prozent der größeren Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten und mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz von Restriktionen. Gründe dafür gibt es viele: Die Anforderungen an Sicherheiten und Bonität sind gestiegen, die Antragstellung ist aufwendiger und die Zinsen sind weiterhin hoch.
Factoring verhindert Liquiditätsengpässe
Ein besserer Weg, um die Liquiditätslücke zu schließen, ist Factoring. Dabei verkaufen Unternehmen ihre offenen Forderungen an einen Factoring-Dienstleister. Dieser überweist den Rechnungsbetrag, abzüglich einer Gebühr. Meist holt der Dienstleister sich das Geld selbst beim Kunden zurück. Gelingt dies nicht, trägt er das Ausfallrisiko. Bei der Variante Full-Service-Factoring übernimmt der Factor zusätzlich Bonitätsprüfung, Forderungsverwaltung, Mahnwesen und Inkasso.
Factoring hat den Vorteil, dass den Unternehmen sofort Liquidität zur Verfügung steht. Sie kommen so gar nicht erst in die Situation, ihre eigenen Rechnungen nicht bezahlen zu können. Durch das Reverse-Factoring können Unternehmen auch ihre Rechnungen bei Lieferanten sofort bezahlen. Hierbei verkauft ein Unternehmen seine Verbindlichkeiten an einen Factoring-Dienstleister. Dieser überweist den Rechnungsbetrag sofort an den Lieferanten. Das Unternehmen begleicht die Summe dann ohne Skontoabzug zu einem späteren Zeitpunkt beim Factor. Beim Reverse-Factoring schließen alle beteiligten Parteien normalerweise einen Rahmenvertrag ab.
Der Markt für Factoring-Angebote in Deutschland ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen: Die Mitglieder des Deutschen Factoring-Verbands meldeten im Jahr 2025 ein Finanzierungsvolumen von insgesamt 423,5 Milliarden Euro und 112.000 Kunden. Am häufigsten kamen Unternehmen, die Factoring als Finanzierungsinstrument nutzen, dabei aus dem Handel, aus dem Gesundheitswesen, aus dem Ernährungsgewerbe sowie aus dem Fahrzeug- und Maschinenbau.

Praxistipps für Ihren Alltag
Vor saisonalen Spitzen wie Black Friday und Weihnachten müssen Händler Waren vorfinanzieren, während ihre Kund:innen erst Wochen später zahlen. Wie Factoring in solchen Phasen die Liquidität sichert und zugleich die Eigenkapitalquote verbessern kann, zeigt ein Praxisbeispiel aus dem Spielwaren-Großhandel.
Fazit: Warum Factoring eine wichtige Ergänzung der eigenen Finanzstrategie ist
Verspätete Zahlungseingänge sind für viele KMU mehr als ein Ärgernis: Sie gehören zu den häufigsten Auslösern von Zahlungsschwierigkeiten, selbst bei gut gefüllten Auftragsbüchern. Gleichzeitig wird der klassische Bankkredit als Ausweg für Mittelständler unattraktiver, weil Banken restriktiver vergeben und viele Unternehmen eine zusätzliche Verschuldung vermeiden wollen.
Factoring bietet hier eine praxistaugliche Alternative. Unternehmen, die ihre Finanzierung breiter aufstellen und ihre Liquidität aktiv steuern, sind damit besser gegen Zahlungsverzögerungen und deren Folgen gewappnet.
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