
Resiliente Lieferketten: Wie der Mittelstand Stabilität gewinnt
Nearshoring, Automatisierung, neue Märkte - wie der Mittelstand seine Lieferketten krisenfest macht.
Geopolitische Krisen, Chipmangel, schwankende Konsumlaune – deutsche Unternehmen mussten ihre Lieferketten in den vergangenen Jahren immer wieder neu justieren. Jörg Steinhoff, Leiter Transport und Logistik bei der Deutschen Leasing, beobachtet dabei einen klaren Trend: Statt auf einzelne Märkte zu setzen, verlagern immer mehr Mittelständler Produktion und Lagerhaltung in europäische Nachbarländer. Gleichzeitig eröffnet die Automatisierung von Lagerprozessen neue Möglichkeiten, dem Fachkräftemangel zu begegnen und schneller auf Nachfrage zu reagieren.
Erfahren Sie im Interview:
- Warum Polen für deutsche Unternehmen zum bevorzugten Standort für Nearshoring geworden ist und welche Branchen davon besonders profitieren
- Wie automatisierte Lager Unternehmen dabei helfen, den Fachkräftemangel abzufedern und auch in Ausnahmesituationen schnell lieferfähig zu bleiben
- Welche Rolle Dual-Use-Technologien und Rechenzentren für die Logistik der Zukunft spielen
Herr Steinhoff, mit dem ausgeweiteten Nahostkonflikt erleben wir eine weitere Krise mit Folgen für die Weltwirtschaft. Wie wirkt sich die Situation auf die Lieferketten aus?
Jörg Steinhoff: Im Gegensatz zur Corona-Zeit und der Blockade des Suez-Kanal vor ein paar Jahren, sind die Auswirkungen auf den globalen Warentransport eher moderat. Die Lieferketten sind aktuell unter diesen Umständen überraschend stabil und planbar. Das zeigt sich allein bei den Frachtraten: Während wir in der Spitze der Pandemie Raten von bis zu 15.000 US-Dollar für einen 40-Fuß-Container sahen, liegen wir heute, im Sommer 2026, trotz den nun anlaufenden Vorbereitungen für das Weihnachtsgeschäft, bei knapp unter 4.000 US-Dollar. Aktuell ist vor allem die Straße von Hormuz vom Konflikt betroffen, sie ist primär eine Route für den Öltransport. Die hohen Ölpreise haben natürlich indirekt einen Effekt auf die Lieferketten. Die klassischen Wirtschaftsgüter werden aber über andere Seerouten transportiert. Die Reedereien haben sich zudem auf die Angriffe im Roten Meer eingestellt: Güter, die nicht schnell verfügbar sein müssen, transportieren sie um das südafrikanische Kap der Guten Hoffnung in Richtung Europa. Dafür benötigen sie vier bis sechs Wochen mehr Zeit.
Nimmt der Trend zum Near- und Friendshoring zu, um die Lieferketten vor geopolitischen Kapriolen zu schützen und unabhängiger zu machen?
Jörg Steinhoff: Der Trend, die Produktion und Logistik in europäische Nachbarländer oder befreundete Demokratien zu verlagern, hat sich absolut verfestigt. Das macht die Lieferketten nicht nur souveräner, es schont auch die Umwelt. Durch kürzere Transportwege sparen Unternehmen einen großen Teil ihrer CO2-Emissionen ein. Eine klimafreundliche Logistik gewinnt immer mehr an Bedeutung und wird mittlerweile auch von den Unternehmen erwartet. Das beschleunigt Nearshoring: Nachbarländer wie Tschechien, Italien, Österreich und die Schweiz verzeichnen Zuwächse im Handelsvolumen mit Deutschland. Im Fokus steht Polen als einer der größten Profiteure des Nearshorings. Deutsche Unternehmen bauen dort massiv Lagerkapazitäten auf. Das hat pragmatische Gründe: Die geografische Nähe ist ideal, das Ausbildungsniveau der Fachkräfte ist hoch und das Lohnniveau nach wie vor niedriger als in Deutschland. Ein entscheidender Vorteil im polnischen E-Commerce ist zudem die Möglichkeit zur Sonntagsabwicklung. Für die heutzutage erwartete schnelle Lieferung – also „Next-Day-Delivery“ – wird sonntags in Polen kommissioniert, sodass die Ware pünktlich beim Kunden in Deutschland ankommt.
Welche Anforderungen stellen neue Branchen und Schlüsseltechnologien an die Logistik?
Ein ganz neues Feld, auf das derzeit die gesamte Logistikbranche blickt, sind die Dual-Use-Technologien. Die befinden sich hierzulande noch im Aufbau. Sicherheits- und Verteidigungsmaterial erfordert eine extrem schnelle Verfügbarkeit und hochsichere, spezialisierte Lagerkonzepte. Auch hier wird die Automatisierung zukünftig eine entscheidende Rolle spielen. Und zu den Schlüsseltechnologien: Die Hoffnung auf einen deutschen Tech-Boom hat sich leider nicht komplett erfüllt. Das geplante milliardenschwere Intel-Chipwerk in Sachsen-Anhalt wurde in 2025 gestoppt, dafür wurde kürzlich der Ausbau des neuen Infineon-Werks nahe Dresden eröffnet. Die Abhängigkeit von außereuropäischen Chip-Herstellern bleibt also zumindest zum Teil bestehen. Die Lieferketten für diesen kritischen Bereich werden nicht, wie erhofft, von Taiwan entkoppelt und durch lokale Produktion abgesichert. Viel Bewegung sehen wir aber in anderen Infrastrukturen, die zwar keine klassischen Logistiklager sind, aber dennoch enorme IT-Investitionen erfordern: Rechenzentren. Die Schwarz-Gruppe beispielsweise baut derzeit in der Niederlausitz im großen Stil Kapazitäten auf. Das schafft eine hohe Nachfrage nach IT-Infrastruktur wie Servern, Netzwerkkomponenten und Kühltechnik. Ein wichtiger Boost also für IT-Zulieferer.

Halten sich Unternehmen bei Lagerinvestitionen im Moment generell eher zurück?
Jörg Steinhoff: Angesichts der unsicheren wirtschaftlichen Entwicklung scheuen tatsächlich einige mittelständische Unternehmen vor Investitionen zurück. Egal ob Modernisierung oder Automatisierung: Das sind Ausgaben in Millionenhöhe, die viel Planungssicherheit erfordern. Ein automatisiertes Lager lohnt sich aber immens. Es kann den weitverbreiteten Mangel an Lagerarbeitskräften auffangen, indem KI beispielsweise bei der automatisierten Erkennung unterschiedlichster Warengrößen hilft. Lagerkapazitäten können über Nacht vollautomatisch umgeschichtet werden, sodass die am Morgen benötigten Paletten direkt am Ausgabepunkt bereitstehen. Die Vorteile sehen wir auch bei einem Investitionsprojekt, das wir in den letzten zwei Jahren betreut haben. Unser Kunde hat in ein neues Logistikzentrum im Saarland investiert. Er vertreibt landwirtschaftliche Ersatzteile und möchte seinen Absatzmarkt im nahen Frankreich ausbauen. Wenn in der Erntesaison eine Erntemaschine ausfällt, zählt jede Stunde. Dank des vollautomatisierten Lagers im Saarland ist das Ersatzteil innerhalb kürzester Zeit auf dem Weg.
Welche Anforderungen stellen neue Branchen und Schlüsseltechnologien an die Logistik?
Jörg Steinhoff: Ein ganz neues Feld, auf das derzeit die gesamte Logistikbranche blickt, sind die Dual-Use-Technologien. Die befinden sich hierzulande noch im Aufbau. Sicherheits- und Verteidigungsmaterial erfordert eine extrem schnelle Verfügbarkeit und hochsichere, spezialisierte Lagerkonzepte. Auch hier wird die Automatisierung zukünftig eine entscheidende Rolle spielen. Und zu den Schlüsseltechnologien: Die Hoffnung auf einen deutschen Tech-Boom hat sich leider nicht komplett erfüllt. Das geplante milliardenschwere Intel-Chipwerk in Sachsen-Anhalt wurde in 2025 gestoppt, dafür wurde kürzlich der Ausbau des neuen Infineon-Werks nahe Dresden eröffnet. Die Abhängigkeit von außereuropäischen Chip-Herstellern bleibt also zumindest zum Teil bestehen. Die Lieferketten für diesen kritischen Bereich werden nicht, wie erhofft, von Taiwan entkoppelt und durch lokale Produktion abgesichert. Viel Bewegung sehen wir aber in anderen Infrastrukturen, die zwar keine klassischen Logistiklager sind, aber dennoch enorme IT-Investitionen erfordern: Rechenzentren. Die Schwarz-Gruppe beispielsweise baut derzeit in der Niederlausitz im großen Stil Kapazitäten auf. Das schafft eine hohe Nachfrage nach IT-Infrastruktur wie Servern, Netzwerkkomponenten und Kühltechnik. Ein wichtiger Boost also für IT-Zulieferer.
In vielen Branchen ist das Wachstum also verhalten. Kann man eine baldige Kehrtwende erwarten?
Jörg Steinhoff: Wir sehen schon jetzt Lichtblicke am Logistikhorizont. Das SCI-Logistikbarometer für Mai und Juni 2026 belegt dies. Das Geschäftsklima verbessert sich deutlich. Die Unternehmen schauen optimistischer in die Zukunft, weil dank nachlassender Inflation die Nachfrage von Konsumenten und Industrie wieder anzieht. Die Firmen füllen ihre zuvor leeren Lagerbestände auf und die internationalen Lieferketten haben sich stabilisiert. Ich gehe fest davon aus, dass ab der zweiten Jahreshälfte wieder mehr Unternehmen in moderne Lager investieren wollen – und auch müssen. Die alten Lagerkapazitäten werden bei vielen Unternehmen schlicht an ihre Grenzen stoßen. Zudem ist eine schnelle Lösung für den Fachkräftemangel auch nicht in Sicht.
Fazit: Der Wettbewerbsvorteil liegt in der Vorbereitung
Trotz anhaltender geopolitischer Unsicherheiten zeigen sich globale Lieferketten aktuell stabil und planbar. Unternehmen, die frühzeitig auf Nearshoring, Automatisierung und diversifizierte Absatzmärkte setzen, verschaffen sich einen klaren Wettbewerbsvorteil und begegnen gleichzeitig dem Fachkräftemangel sowie steigenden Anforderungen an Nachhaltigkeit und Lieferzeiten. Mit sinkender Inflation und wieder anziehender Nachfrage rechnen Experten damit, dass Investitionen in moderne Lagerinfrastruktur in der zweiten Jahreshälfte 2026 spürbar zunehmen werden. Wer jetzt die Weichen stellt, ist für die Anforderungen von morgen gut gerüstet.
Die Deutsche Leasing begleitet Sie als verlässlicher Partner auf diesem Weg – mit praxisnaher Beratung, maßgeschneiderten Lösungen und einem starken Netzwerk. Nutzen Sie die Chance, Ihr Unternehmen jetzt fit für die Anforderungen moderner Lieferketten zu machen und so Ihre Position im internationalen Wettbewerb zu stärken.


