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Kreislaufwirtschaft - „Ohne Ressourcenschutz kein Klimaschutz“
Bildquelle: GettyImages, Halfpoint Images

„Ohne Ressourcenschutz kein Klimaschutz“

Warum die Entsorgungs- und Kunststoffwirtschaft jetzt gemeinsame Sache macht

Nach zweiwöchigen Verhandlungen liegen die Ergebnisse des Weltklimagipfels in Glasgow auf dem Tisch. Darin bestätigen die Delegierten vor allem das Ziel, die Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad zu beschränken. Nun müssen weitere konkrete Schritte folgen. Während die Politik noch Antworten schuldig bleibt, bringt sich die Industrie in Position.
Schon vor dem Gipfel haben die Verbände Plastics Europe Deutschland, der Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie, der VDMA Fachverband Kunststoff- und Gummimaschinen sowie die Organisationen der Entsorgungs- und Recyclingindustrie BDE und bvse ein gemeinsames Papier veröffentlicht, in dem sie ihre Vorschläge für eine Kunststoff-Kreislaufwirtschaft unterbreiten. Im Interview erklärt BDE-Präsident Peter Kurth, warum es keinen Klimaschutz ohne Ressourcenschutz geben kann.

Auf einen Blick

  • In vielen Bereichen sind Kunststoffe nicht ersetzbar, etwa als hygienische oder sterile Verpackungen in der Lebensmittel- oder Pharmaindustrie.
  • In einem geschlossenen Wertstoffkreislauf geführt, können auch Kunststoffe helfen, CO2-Emissionen zu senken.
  • Aktuell werden lediglich 14 Prozent der Kunststoffe in Deutschland aus Rezyklat hergestellt.
  • Eine Mindesteinsatzquote von Rezyklat könnte für Anbieter Investitionssicherheit schaffen.
  • Ein weiterer Marktanreiz entsteht durch die generelle, materialunabhängige CO2-Bepreisung, weil Rezyklate eine bessere CO2-Bilanz als Kunststoffe aufweisen.

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Peter Kurth, Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e.V.
Peter Kurth; Bildquelle: BDE

„Abfallvermeidung ist zwar immer richtig, wird aber nicht die wesentliche Lösung sein. Wesentlich ist, dass wir es schaffen, Altkunststoffe in einem ganz anderen Ausmaß wieder als Rohstoff in die Produktion zu bringen als heute.“

Peter Kurth, Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e.V.

Herr Kurth, wie bewerten Sie die Ergebnisse des Gipfels in Glasgow?

Ich weiß, wie schwierig es schon in Europa ist, eine gemeinsame Agenda aufzustellen, um die lineare Wirtschaft in eine zirkuläre zu wandeln. Deshalb habe ich von Glasgow keine weitergehenden Signale für mehr Kreislaufwirtschaft erwartet. Es ist gut, dass das globale Klimaziel bestätigt wurde, dass neue Ziele beschlossen wurden. Aber jetzt müssen wir uns viel stärker mit den Instrumenten befassen, die es auf diesem Weg braucht. Eine Konferenz mit Teilnehmern aus mehr als 200 Ländern ist dafür nicht der richtige Rahmen, weil die Voraussetzungen zu unterschiedlich sind.

Der BDE hat gemeinsam mit weiteren Verbänden schon vor dem Gipfel Vorschläge für eine Kunststoff-Kreislaufwirtschaft zu Papier gebracht. Wie kam diese Allianz zustande? 

Entscheidend ist, dass Deutschland ein leistungsstarker und wettbewerbsfähiger Wirtschaftsstandort bleibt und trotzdem die Klimaziele erreicht. Das schafft keiner allein und beim anspruchsvollen Thema Kunststoff-Kreislaufwirtschaft war allen Beteiligten klar, dass wir noch viel enger zusammenarbeiten wollen. Wir brauchen mehr Kooperation im Umgang mit Kunststoffen – von der Entsorgung über die Sortierung und Aufbereitung von Kunststoffen bis hin zur Produktion. 

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Nun werden die Begriffe Kunststoffindustrie und Nachhaltigkeit in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte selten in einem Satz genannt. Was entgegnen Sie Kritikern?

Ich entgegne, dass die Begriffe keinen Widerspruch darstellen und Kunststoff-Bashing ein Fehler ist. Wir werden Kunststoffe in vielen Bereichen, in denen sie heute eingesetzt werden, nicht ersetzen können, etwa als hygienische oder sterile Verpackungen, in der Mobilität oder der Energiewende. Abfallvermeidung ist zwar immer richtig, wird aber nicht die alleinige oder wesentliche Lösung sein. Wichtig ist, dass wir es schaffen, Altkunststoffe in einem wesentlich größeren Ausmaß wieder als Rohstoff in die Produktion zu bringen als heute. Damit verringern wir in erheblichem Umfang CO2-Emissionen. Die EU fordert, dass ab dem Jahr 2030 alle Verpackungen auf dem europäischen Markt wiederverwendbar oder recyclingfähig sind. Die deutsche Verpackungsindustrie strebt an, dass schon 2025 gut 90 Prozent aller Verpackungen diese Vorgabe erfüllen. 

Für Verbraucher ist oft aber kaum ersichtlich, was sie wie und wo entsorgen müssen…

Auch dieses Problem lösen wir nur gemeinsam. Wichtig ist, dass die Marketing- und Entwicklungsabteilungen in der Industrie ihre Produkte so designen, dass Recycling zunächst mal technisch möglich ist. Werden etwa mehrere Schichten von Kunststoffen oder Papier miteinander verklebt, verhindert das meist eine spätere Trennung. Dann müssen Verbraucher auf der Verpackung klar erkennen können, wo sie sie entsorgen. Und im letzten Schritt brauchen die Entsorger eine moderne maschinelle Sortierung nach unterschiedlichen Kunststofffraktionen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die verarbeitende Industrie wieder hochwertige Rezyklate zur erneuten Verwendung erhält.

Was muss passieren, damit dieser Kreislauf besser funktioniert als bisher?

Wir haben bei den Stoffströmen Papier, Glas und Metall bereits ausgezeichnete Recyclingquoten. Darum kennen wir auch beim Kunststoff die Punkte, an denen man ansetzen muss: Transparenz und Qualität. Für das Positionspapier haben sich alle Akteure Gedanken darüber gemacht, wie man den Anteil der Rezyklate in Kunststoffprodukten erhöht und wie die notwendigen Rahmenbedingungen dafür aussehen müssen. Wir blicken also in eine Richtung, das ist ein guter Ansatz. Dennoch ist es zum Beispiel ein Problem, dass in Europa gelegentlich der Mut zu einem klaren Umgang mit Siedlungsabfällen fehlt. In den meisten europäischen Länder ist es immer noch erlaubt und üblich, Hausmüll zu deponieren. Das ist zwar oft billig, setzt aber sehr viel Methan frei – und verhindert, dass der wirtschaftliche Rahmen dafür entsteht, in eine Entsorgungs- und Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe zu investieren. Um eine Zahl zu nennen: Allein in Europa werden jährlich 7,2 Millionen Tonnen Kunststoffe aus Siedlungsabfällen auf Deponien abgelagert.

Kreislaufwirtschaft - Verarbeitung von Kunststoffen
Bildquelle: GettyImages, Aydinmutlu

Sie sprechen die Investitionsbereitschaft der Unternehmen an. Wie könnte sie noch weiter gesteigert werden?

Klar ist: Wer zum Beispiel in innovativere und bessere Sortiertechnik investiert, kann das nur tun, wenn die Chance besteht, die Sortierprodukte auch absetzen zu können. Das heißt, wir müssen die Nachfrage nach Rezyklaten stabilisieren. Das könnte die Politik fördern indem sie – wo sinnvoll – eine Mindesteinsatzquote von Rezyklaten festlegt. Zudem müssen alle Gesetze auf den Prüfstand, die den Einsatz von Rezyklaten in bestimmten Bereichen noch verhindern. Einen anderer Marktanreiz entsteht durch die generelle, materialunabhängige CO2-Bepreisung, weil Rezyklate eine bessere CO2-Bilanz als Kunststoffe aufweisen, die aus Erdöl oder Erdgas hergestellt wurden. 

Derzeit liegt der Anteil von Rezyklat bei der Kunststoffherstellung bei 14 Prozent. Wie optimistisch sind Sie, dass er in naher Zukunft deutlich gesteigert werden kann?

Wir werden ihn steigern. Wie stark hängt aber auch von den politischen Signalen aus den Koalitionsgesprächen ab. Denn mit der neuen Bundesregierung muss es konkret in die Umsetzung gehen. Hat sie verstanden, dass die Umgestaltung von der linearen zur zirkulären Kunststoffwirtschaft auch die richtigen Instrumente braucht? Die Unternehmen sind bereit, sowohl die Entsorger und der Maschinenbau als auch die chemische und die Kunststoffindustrie, aber ganz ohne die richtigen Rahmenbedingungen geht es auch nicht. 

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Bildnachweis Bühnenbild: GettyImages, Halfpoint Images